Popularmusiker in der provinz



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Exkurs 1 : Über die geschäftlichen Möglichkeiten lokaler Popularmusikgruppen


Nach Aussage eines den Autoren bekannten Mitarbeiters einer in Osnabrück ansässigen Schallplattenfirma betrug allein in 1995 die Anzahl der eingesandten Demo-Bänder 200 - 250 Stück. Die Anzahl der Produktions bzw. Vertragsabschlüsse hingegen bezifferte er mit fünf. Die durchschnittlichen Folgekosten, die sich nach Veröffentlichung eines Tonträgers für Werbung, Promotion, Gagen, Reisekosten bzw. Toursupport 89 aufhäufen, wurden mit ca. DM 200.000,-- pro veröffentlichtem Tonträger angegeben.

Die Vorsicht, die Schallplattenfirmen bei ihrer Veröffentlichungspolitik walten lassen, scheint berechtigt: “Laut RIAA-Statistiken ­(Recording Industry Association of America, A.d.A.) spielen 70 - 80 % aller Platten nicht einmal die Investitionskosten ein (vergl. Frith, 1981, A.d.A.). Das heißt, dass 20 - 30 % aller Veröffentlichungen den Rest finanzieren müssen. Und richtig in die Gewinnzone gelangen nur 5% aller Veröffentlichungen.” (Lyng 1993, S. 78)

Die von dem Insider oben genannte Summe versteht sich ohne die Kosten der konkreten Tonträgererstellung respektive Studiokosten. Ein solches Budget für eine Newcomer-Band ist als Anfangsinvestition zu verstehen und kann sich, bei sichtbarem oder zu erwartendem Erfolg, weiter erhöhen.

Das Musiker-Fachmagazin “Soundcheck” unternahm ein interessantes Experiment um herauszufinden, wie Schallplattenfirmen auf ein eingesandtes Demo-Band reagieren : “Wir fabrizierten zunächst ein Demo, nicht zu professionell, aber doch mit einer gewissen Kennzeichnungskraft. Inspiriert durch Gary Moore´s Erfolgssong nannten wir unsere Demo-Band `Empty Rooms´. ... Wir hatten vorsorglich nicht darauf vertraut, dass sich bei der `WEA´ jemand die Kassette anhört, und daher, streng unserem Bandnamen `Empty Rooms´ getreu, eine astreine unbespielte LeerKassette verschickt, um zu sehen, welche Antwort wir darauf erhielten.” (Lyng 1993, S. 79/80)

Ablehnungsschreiben, die eine Weile nach Einsendung der Demo-Kassette bei der “Soundcheck”-Redaktion eintraf, beinhalteten die gleichen Floskeln, die auch als Reaktion auf eine bespielte Demo-Kassette zu erwarten gewesen wären. So äußerte ein verantwortlicher A&R-Manager sein Bedauern 90. Er habe sich “das Material sehr aufmerksam angehört”, müsse aber leider mitteilen, “dass er nicht an einer Übernahme interessiert sei.” (ebd., S. 80)

Obwohl dies nicht die einzige Absage dieser “ungehörten” Art blieb, gab es doch auch Reaktionen, die ein, wenn auch nur kurzzeitiges, Verweilen des “Empty Rooms”-Demos in einem Abspielgerät einer Plattenfirma belegten. Ein anderer A&R-Manager sagte jedoch aus, er nehme sich einen Tag in der Woche Zeit, um eingesandte Demos abzuhören, bezifferte die Chancen einer solchen Produktion aber als “fast gleich Null”.



Auch die Erfahrungen einiger in Osnabrück ansässigen Ensembles erlauben einen Einblick auf die vielfältigen Schwierigkeiten und Kuriositäten, die sich bei dem Versuch ergeben, in Kontakt mit der Musikindustrie zu treten :

I) Eine Osnabrücker Combo war mit einem Musikverlag auf der Basis eines üblichen Verlagsverträge einig geworden 91. Als Kompositionen der Gruppe, die angeblich nicht Gegenstand des Verlagsvertrages waren, im Rahmen eines von einem großen deutschen Batteriehersteller ausgerichteten Rockband-Kontest auf einer Sammel-CD veröffentlicht wurden, reagierte der dadurch verärgerte Musikverleger in der Weise, dass er Gerüchte, die besagte Band habe sich mittlerweile aufgelöst, über seine Branchenkontakte unter für die Gruppe wichtige Leuten lancierte. Da Kapelle sich zu diesem Zeitpunkt in diesen Kreisen - d.h. bei Veranstaltern, Radio- und Fernsehredakteuren u.ä. - bereits eine gewisse Insider-Bekanntheit erspielt hatte, sorgte der Umstand, dass die betreffende Combo nach einer Zeit wieder mit einer neuen selbstproduzierten CD vorstellig wurde, angeblich für eine solche Irritation, dass die neue CD zumindest so gut wie gar nicht im Radio gespielt wurde.

II) Eine Combo aus der “Vorstudie 81/82” produzierte auf eigene Kosten ein komplettes Master-Band 92 und schloß mit einem Hannoveraner Verlag einen Verlagsvertrag ab. Der Verlag fand kein interessiertes Label für die Produktion, die Band scheute das Risiko der Eigenproduktion, und seitdem verstaubte das Masterband in der Schublade. Allerdings erhielt die Gruppe für das besagte Band im August 1982 von einer im bayrischen Moosach ansässigen Firma ein Vertragsangebot über eine LP-Veröffentlichung. Bestandteil der in dem Vertrag formulierten Abmachungen war gewesen, dass der betreffenden Firma 500 Exemplare der anzufertigenden LP zum Großhandelspreis von DM 15,22 zzgl. MWSt. pro Einheit abgekauft werden mußten 93. Für die betreffende Combo hätte keine besonders große Chance bestanden, 500 Exemplare ihrer eigenen LP zu verkaufen - noch nicht einmal zu verschenken -, zumal dieses bei der geringen Auftrittsfrequenz der Gruppe (ca. 10- bis 15-mal pro Jahr) nicht aussichtsreich erschien. Allerdings verpflichtete sich die besagte Firma im Gegenzug, für die “Promotion” der LP zu sorgen. Angeblich soll zu Beginn der 1980-er Jahre derartiges Prozedere, das durchaus nicht als rechtswidrig zu bezeichnen ist, auch bei großen Schallplattenfirmen üblich gewesen sein. Die genannte Kapelle hat den ihr unterbreiteten Vertrag nicht unterschrieben.

III) Eine andere “Vorstudien”-Kapelle unternahm in den Jahren 1980/81 große Anstrengungen, um die Aufmerksamkeit von Schallplattenfirmen zu erwecken. Zu diesem Zweck arrangierte ein interessierter Hamburger Musikverleger ein sog. “Show-case” 94 im Hamburger “Top-Ten” 95. Die ca. 20 geladenen Schallplattenfirmenvertreter vergnügten sich an den Freigetränken und verließen einer nach dem anderen das “Top-Ten”, ohne jemals wieder von sich hören zu lassen. Angeblich hatte die Band auch einen “schlechten Tag” erwischt, zumal man es sonst gewohnt war, vor enthusiastischem Publikum aufzutreten. Der Hamburger Musikverleger war zunächst bereit, sich weiter für die Gruppe zu bemühen. Allerdings drohten ihm einige inzwischen ebenfalls angetrunkene Bandmitglieder unmittelbar nach dem besagten Auftritt Tätlichkeiten an (vergl. Interview Lederjacke II. vom 2.9.96).

IV) Eine Osnabrücker Band erhielt auf ihr bei einem Hamburger Musik-Verlag eingesandtes Demo sehr positive Resonanz. Das vorgelegte Material bestünde nach Meinung des Verlegers aber eher aus Album-Titeln 96, und er regte deswegen die Produktion eines weiteren Titels an, der kommerziell genug sei, um ihn als das Album bewerbende Single zu veröffentlichen. Die Combo ging daraufhin ins Studio und nahm eine mit deutschem Text versehene Version eines Songs auf, der im Original von einem bekannten US-amerikanischen Popularmusik-Künstler stammte. Der Verleger zeigte sich zunächst angetan von dem Musikstück. Nach einigen Wochen kündigte er der Band jedoch empört die Zusammenarbeit mit der Begründung auf, die vorgeschlagene Single sei eine sog. “Cover-Version” 97, und er behauptete, solches Prozedere käme arglistiger Täuschung gleich, was es bereits im Vorfeld unmöglich mache, ein vertrauensvolles Geschäftsverhältnis aufzubauen.

V) Eine einem der Autoren bekannte Sängerin vergab einen Produktionsauftrag zur Erstellung von 1.000 CD´s, sowie 1.000 Musik-Kassetten an eine Firma aus der Osnabrücker Region. Ohne Kenntnis über Marktgepflogenheiten und ohne Vergleichsangebote einzuholen bezahlte sie die gesamte Produktion, von den Studioaufnahmen über die Abwicklung der Pressung bis zur Anlieferung der Tonträger. Die an den Tantiemen partizipierenden Partner Verlag und Label beteiligten sich weder an den Produktionskosten noch bemühten sie sich um Vertrieb oder Bewerbung der insgesamt 2.000 nun in der Wohnung der Künstlerin Staub ansetzenden Tonträger 98.

VI) Abschließend sei auf einen Fall verwiesen, der in der Mitgliederzeitschrift des “Deutschen Rockmusiker Verbands” (DRMV), II/96, beschrieben wird : Eine ostdeutsche Band zahlte einer in Hof ansässigen Produktionsfirma insgesamt DM 46.000,- als Anschubfinanzierung für eine in Aussicht gestellte Europa-weite Karriere. Im Gegensatz zu dem oben beschriebenen Fall erhielt die Gruppe keinerlei materielle Gegenleistung in Form eines verwertbaren Produkts. Die Gruppe reiste insgesamt 60.000 Km zu Besprechungen, Vorstellungsterminen und in durch die Firma gebuchte Studios. Am Ende blieb nur der Weg eines aussichtslosen Rechtsstreites mit der inzwischen bankrotten Firma.
Die genannten Beispiele sind zufällig gewählt und ließen sich ohne Mühe noch um eine große Zahl erweitern. Es ging dabei darum, exemplarisch aufzuzeigen, welche Hürden sich Gruppen und Einzelpersonen bei der Suche nach Partnern für die Veröffentlichung eines Tonträgers in den Weg stellen können. Das Erklimmen dieser Hürde ist allerdings nur als erster Schritt auf dem Weg zu Popularität zu verstehen, denn die Veröffentlichung eines Tonträgers garantiert keineswegs den Erfolg. Nach der Veröffentlichung steigt die Anzahl der für den Erfolg des Tonträgers verantwortlichen kaum oder gar nicht kontrollierbaren Faktoren erheblich, und nicht selten entscheidet der Verkauf der ersten Wochen über das weitere Schicksal des Tonträgers, der Band und letztlich auch der zu der jeweiligen Musikgruppe gehörenden Einzelpersonen.

Statements von Branchen-Kennern weisen darauf hin, dass die Quote der im Popularmusikbereich erfolgreichen Musiker/Ensembles etwa bei 1 o/oo bis 3 o/oo liegt 99. Ferner kann durch einschlägiges Datenmaterial belegt werden, dass die Broterwerbschancen in “etablierten” Musikberufen (z.B. im Orchesterbereich) zwar besser, aber eigentlich auch nicht optimal sind 100. Darüber hinaus weisen einige der genanten Beispielfälle gewisse Parallelen zum Prozedere des Verlages “Manuzio” auf, in dem der Held von Umberto Eco´s Roman “Das Foucaultsche Pendel” (Eco 1989, S. 288 ff.) beschäftigt ist : Das auf humorvolle Weise von Eco beschriebene Unternehmen betätigt sich im Bereich der sog. “Vanity Press” und macht sein Geschäft mit “AEK´s” - “Autoren auf eigene Kosten” -, solchen Autoren, die über genügend Geld und Eitelkeit verfügen, den Druck ihrer literarischen Ergüsse aus eigener Tasche zu finanzieren, und die am Ende auch die mehr oder weniger einzigen Abnehmer der dabei herauskommenden Produkte sind. Dabei leistet der Verlag “Manuzio” gelegentliche Hilfestellung durch Vorspiegelung falscher Tatsachen u.ä. 101.

Dass persönliche Eitelkeiten, eine Art Sucht, sich in massenweise zu vervielfältigenden Gegenständen ästhetischer Betrachtung vergegenständlicht sehen zu können u.a.m., gelegentlich auch durchaus noch als “seriös” zu bezeichnenden Verdienstinteressen entgegenkommen können, zeigt u.U. ein Beispiel aus dem lokalen Popularmusikbereich : Die Mitglieder einer örtlichen Rockgruppe kauften sich zu Beginn der 1980-er Jahre, um die gemeinsamen professionellen Absichten besser verwirklichen und in größeren Räumlichkeiten auftreten zu können, für eine 5-stellige Summe ein aufwendiges Beschallungssystem (PA). Einzelne Mitglieder des betreffenden Ensembles hatten sich für die Anschaffung erheblich verschulden müssen, und es hieß, bei den erworbenen Gerätschaften habe es sich um Ladenhüter gehandelt, für die ihr Verkäufer - Inhaber eines Bocholter Musikinstrumentengeschäftes mit angeschlossenem Tonstudio - angeblich keine Interessenten finden konnte.

Verbürgt ist, dass die besagte Combo nach Ankauf des Beschallungssystems ca. ein Dutzend Auftritte absolvierte - zu Bedingungen, wie sie in Abschn. 1 geschildert wurden - und sich schließlich auflöste. Das PA-System wurde in einem örtlichen Musikgeschäft noch lange Zeit - ebenfalls erfolglos - zum Kauf angeboten.


Fazit : Mit den weiter oben angeführten professionellen Musikern, die allerdings dem sog. “Business” zuzurechnen wären, hätten die Musiker der “Vorstu-die 8l/82” Studie gemeinsam, dass sie erstens nicht unbedingt Angehörige einer sub- bzw. jugendkulturellen Gruppe oder Anhänger eines entsprechenden Stiles sind, und dass sie zweitens dennoch in vergleichbarer Weise Anleihen an gerade modische Strömungen entsprechender Provenienz machten 102. Der von Frith dargestellte Unterschied im Selbstverständnis professioneller Jazz- und Rock-/ Popmusiker bildet sich allerdings nicht in der “Erfolgsquote” von Tonträgerveröffentlichungen ab 103.

Wenn die in Abschn. 6 beschriebenen professionellen Popularmusiker (Frith 1981, S. 179 ff.) im wesentlichen Angehörige der kommerziellen Popmusikszene sind, Leute also, die entweder den Stars zuarbeiten - als Begleitmusiker o.ä. - oder die selber solche Pop-Stars sind, was streben dann die Musiker der “Vorstudie 81/82” an ? Etwa ebenfalls einen solchen Status ? Wäre demnach nicht der Unterschied zu ihren berühmten Kollegen der, dass sie selber noch nicht berühmt sind, es aber gerne wären ? 104


Es ergibt sich an dieser Stelle die Annahme, es könne sich bei dem interessierenden Musikerkreis, der im Rahmen dieser Studie untersucht wurde, und den von Frith beschriebenen Musikern vielleicht um Angehörige von auf ganz unterschiedliche Weise “intern” strukturierten und ggf. “überregional” vernetzten Bereichen der musikalischen Praxis handeln. Dieser Vermutung wurde durch Ausführungen von DJ, der zunächst in seiner Eigenschaft als Verantwortlicher für das “Live”-Musikprogramm einer Osnabrücker Groß-Discothek um ein Interview 105 gebeten worden war, eine gewisse Bestätigung verliehen.


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