Popularmusiker in der provinz



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Sana27.06.2017
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Vorwort


In Thomas Manns Roman “Doktor Faustus” wird dem Protagonisten Adrian Leverkühn - seines Zeichens Komponist - durch einen Unbekannten, den “Ver-führer”, “Satan”, “Mephistopheles”, folgendes Angebot gemacht : “(...) wir bieten das Rechte und Wahre, - das ist schon nicht mehr das Klassische, mein Lieber, das Urfrühe, das längst nicht mehr Erprobte. Wer weiß heute noch, wer wußte auch nur in klassischen Zeiten, was Inspiration, was echte, alte, urtümliche Begeisterung ist, von Kritik, lahmer Besonnenheit, tötender Verstandeskontrolle ganz unangekränkelte Begeisterung, die heilige Verzuckung ? Ich glaube gar, der Teufel gilt für den Mann zersetzender Kritik ? Verleumdung - wieder einmal, mein Freund ! Potz Fickerment ! Wenn er etwas haßt, wenn ihm in aller Welt etwas konträr ist, so ist es die zersetzende Kritik. Was er will und sprendet, das ist gerade das triumphierende Über-sie-hinaus-Sein, die prandende Unbedenklichkeit !” (Thomas Mann, “Dotor Faustus”, Ausg, von 1979, S. 237/38)

Wir wissen, was Adrian Leverkühn angeboten wurde : Genialität !

Wir wissen auch, dass er das Angebot annahm, und wer die Geschichte nicht kennt, sollte selber lesen, wie sie ausgegangen ist. Nur so viel sagen wir, dass es Thomas Mann um das “musikalische Genie” ging, das sich nicht nur über alle “Kritik” sondern auch über seine eigenen Grenzen erhebt - und am Ende einen hohen Preis dafür zu zahlen hat. Hingegen wird unsere Arbeit von Popmusik handeln, von “popularmusikalischer Tätigkeit”, um es in einer etwas “elaborier-teren” Sprache auszudrücken.

Keineswegs sind wir daran interessiert, ein für alle mal festzustellen, ob die Popmusik ebenfalls eine “genialische” Veranstaltung ist oder nicht, und schon gar nicht haben wir vor, in das Gejammer über den ständigen, mehr oder weniger schleichenden Verfall von Sitte und Moral ewig gestriger Pharisäer einzustimmen, welchen sie allemal gerade im Zustand der Populären Künste - und dort insbesondere auf dem Gebiet der Musik 1 - sich vermeintlich abbilden sehen, aber auch nicht das Gegenteil haben wir vor !

Allerdings sind es in den Mann´schen Zitaten auftauchende Begriffe wie “urtüm-liche Begeisterung”, von “lahmer Besonnenheit” und “tötender Verstandeskontrolle ganz unangekränkelte Begeisterung, die heilige Verzuckung” sowie das darin thematisierte Streben des Künstlers nach solchen “Qualitäten”, die in uns Assoziationen hervorrufen zu Phänomenen nicht nur aus dem jüngeren Bereich der Popularmusik : Massenhysterie unter Halbwüchsigen, Scharen 12-, 13-jähri-ger Mädchen voller abstruser Verliebheitsvorstellungen für irgendwelche popularmusikalischen Kunstwesen. Was dürfte wohl weniger von “lahmer Besonnenheit” und “tötender Verstandeskontrolle” behindert sein, wenn nicht Hysterie und Verliebtheit - wenn nicht solche Hysterie und Verliebtheit 2 ?

“Die Musik verkörpert die radikalste, die umfassendste Gestalt jener Verleugnung der Welt, zumal der gesellschaftlichen, welche das bürgerliche Ethos allen Kunstformen abverlangt.” schreibt Bourdieu (1984, S. 42), obschon er mit dieser Aussage wohl eher den klassischen Musikbereich und dessen Publikum gemeint haben dürfte.


Wir werden uns in dieser Arbeit mit dem - im weitesten Sinne - “kreativen” Teil der Popularmusik-“Szene” der Stadt Osnabrück beschäftigen, mit Akteuren also, bei denen es sich im Wesentlichen um “nicht-reproduzierernde” Künstler handelt 3, die sich mittlerweile in den “Szenen” wohl jeder größeren Stadt der BRD in anfinden, die i.d.R. nicht als “Kristallisationspunkte” Popularmusik-bezogenen Massenmedieninteresses und/oder entsprechender hysterischer Publikumsattitüden firmieren und die ferner gelegentlich ein Selbstverständnis als “alternative Kulturschaffende” äußern.

Attestierte Howard S. Becker den von ihm zu Ende der 1940-er Jahre untersuchten Chicagoer Jazzmusikern noch den Status von “sozialen Außenseitern”, so dürfte inzwischen zumindest in der BRD der Jazz - nicht zuletzt durch Bemühungen von Persönlichkeiten wie J.E. Behrendt - zu einem kaum noch wegzudenkenden Bestandteil der sog. “Hochkultur” avanciert sein : Selbst Kleinstädte leisten sich inzwischen den Luxus von Jazz-Festivals, anläßlich derer bekannte Künstler engagiert werden, und viele Musikhochschulen auch in ländlichen Regionen haben mittlerweile den Jazz in ihre Ausbildungsangebote integriert.

Dass die meisten der sich im hochkulturellen Zusammenhang bietenden Möglichkeiten einer eher geringen Anzahl auf internationalem Parkett agierenden Jazzkünstlern vorbehalten sein dürften, mag wohl auch schon zu H.S. Beckers Zeit der Fall gewesen sein (vergl. Salmen 1997 ; vergl. H.S. Becker 1982).

Ferner muß auch die “Existenz” solcher Popularmusik, die einen nicht unbeachtlichen Anteil massenmedialer Unterhaltungsangebote stellt, im Wesentlichen auf die Aktivitäten kleiner national und/oder international vernetzter Ingroups zurückgeführt werden (vergl. Frith 1981). Auf der anderen Seite zeichnet sich immer deutlicher ab, dass es vor dem Hintergrund steigender Arbeitslosigkeit und sich ausbreitender Verarmung - Entwicklungen, die zumindest in den späten 1990-er Jahre der volkswirtschaftlichen Situation der BRD ein deutliches Siegel aufprägen - auch um die Berufschancen junger, gut ausgebildeter und ambitionierter Jazz-Hochschulabsolventen nicht gut bestellt ist : Einmal hat seit etwa Mitte der 1990-er Jahre unter dem Verdikt öffentlicher Sparzwänge eine Art Musikschulsterben eingesetzt. Zum Anderen dürfte es u.a. durch die z.Zt. immer noch steigende Arbeitslosenquote bedingt sein, dass weniger Gelder in die Freizeitsphäre fließen.

Dieses bildete sich nicht nur in Großstädten bisweilen im Rückgang von auf kleineren Bühnen durchgeführten “Live”-Musikangeboten und/oder im wirtschaftlichen Konkurs von Lokalitäten ab, die auch für Jazz-Veranstaltungen zur Verfügung standen - eine Entwicklung, von der auch die in dieser Arbeit untersuchten Akteure betroffen sind 4.
Den “Verlauf” eines “künstlerischen Alltages”, wie ihn Angehörige der interessierenden Personengruppe wohl auch selbst erlebt haben dürften, beschreibt folgende kleine Geschichte auf ironische Weise :



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