Popularmusiker in der provinz



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Sana27.06.2017
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Traumjob


Hallo.”

Hi !”

Seid ihr von der Kapelle ?”

Jau !”



Legt erst mal ab .... wollt ihr was trinken ? Jenny, machst du mal zwei Krefelder und `nen Kaffee !

Also, das läuft hier folgendermaßen : ihr müßt mehrere Sets spielen, so 4 - 5 à dreißig Minuten und zwischendurch bitte Pause. So Getränke-mäßig muß ich ja Umsatz einfahren. Bei unbekannten Bands leg´ ich eh drauf .... egal, is halt mein Hobby, ich steh einfach auf Live-Mucke.

Und seht zu, dass ihr `n bißchen was von´ Stones oder Marius spielt, da fahren hier die Leute voll drauf ab.

Ich mein´, ich will euch da nich `reinquatschen, is nicht schlecht, euer Zeug, aber kennt halt keine Sau hier .... macht ihr das eigentlich Profi-mäßig ? Wollt´ ich doch sagen, kannste vergessen, heutzutage. Aber die Beatles haben ja auch klein angefangen, oder ?

War damals auf der Reeperbahn dabei, Mann, waren das Zeiten !! Mit der ganzen Clique haben wir uns da zugeschüttet, Persico bis zum Abwinken .... der Sound war beschissen, egal .... Schwofen, bis die Kimme kocht und lang Weiber .... war doch keiner verheiratet damals .... Wie die Typen waren ? Konnten kaum was sehen, aber Ringo war der Geilste, der John Lennon guckt sich ja mittlerweile auch die Radieschen von unten an .... dass `se den umgepustet haben. Mensch, auf´m Photo seht ihr ganz anders aus .... Tourneeleben schlaucht ganz schön, oder ? Früher war´s aufregender .... heute kann(ste) es ja schon so Aids-mäßig ziemlich abhaken. Is doch scheiße, so mit Tüte, oder ? Naja, egal. Hauptsache, ihr seid da. Paßt auf : wir haben hier bißchen Probleme wegen der Lautstärke .... ab 22 Uhr müßt ihr etwas `run-terfahren, sonst stehen fünf nach zehn die Pupen hier.

Wann ihr anfangen sollt ? Kurz nach zehn, würde ich sagen, mal schauen, wann die Leute eintrudeln. Bühne ist da in der Ecke, habt ihr schon gesehen ? Könnt ihr noch eben den Billardtisch in den Keller tragen ? Danke. Nee, der Kicker muß stehen bleiben, könnt doch Boxen draufstellen, oder ? Von wegen kleine Bühne .... da haben schon die Commitments mit 14 Leuten draufgestanden ! 14 Leute ! Mann, hat der Laden gebrummt .... tja, also Getränke-technisch gibt´(s) drei Marken pro Mucker, für die Marke kriegt ihr auch `ne Frikadelle .... Brötchen is schon drin, haha !

Nee, müßt ihr verstehen, neulich hat die “Pee-Wee-Bluesgang” hier für 700,-- gesoffen, kannste einfach nicht mehr machen.

Ach ja : der Wagen draußen muß weg, absolutes Halteverbot.

Am besten inne Tiefgarage, müßt ihr euch nur beim Abbauen sputen, um 24 Uhr machen die dicht .... bis kurz vor zwölf solltet ihr schon mucken. Dann wird´s übrigens tierisch voll, heut ist hier noch Karaoke-Show. Steh´ ich auch nicht drauf, was willste machen .... der Laden muß ja laufen. O.K., am besten fangt ihr mit `ner alten Status-Quo-Nummer an, dann habt ihr schon gewonnen. Is doch Monatsanfang, die Leute wollen saufen und die Dröhnung haben.

Sind doch arme Schweine. Haben doch kaum was außer malochen.

Ach so : mit der Übernachtung wird keiner, wir sind grad´ am tapezieren. Geht nicht. Müßt ihr halt noch fahren .... Hoffentlich kommen Leute, bißchen ungünstig der Termin, heute spielen “N.N.” (Name einer bekannten, in manchen Musikerkreisen nicht besonders beliebten deutschen Popularmusikgruppe - wer das gerade ist, ändert sich i.d.R. mit der Zeit) in der Stadthalle. Ach, wird schon werden .... Kasse macht ihr ja selber, ne ? O.K., ich muß einheizen, komm´ nachher wieder. Garderobe ? Nee, müßt ihr in der Küche im Gang, nee nee, da kommt nichts weg.

Alles klar, bin gegen zwölf wieder hier, haut `rein, Ciao.” 5
Wir haben nicht die Absicht, uns im Zusammenhang unserer Arbeit der Arroganz eines “Qualität-setzt-sich-immer-durch”-Standpunktes zu befleißigen, wie wir uns andererseits auch nicht darum bemüht haben, bislang vor der Öffentlichkeit im Verborgenen agierende Talente zu entdecken. Aus diesen Gründen wird es im Folgenden keine musikalischen Analysen geben und auch keine diesbezüglichen “Wertungen” - allenfalls insofern, als dies der von uns angestrebten sozialwissenschaftlichen Erkenntnismehrung dienen könnte.

Vielmehr wollen wir erfahren, was die uns interessierende popularmusikalische Tätigkeit gewissermaßen mit den Akteuren “macht”, ob die Ausübenden in diesem Zusammenhang vielleicht in ähnlicher Weise “stigmatisiert” werden wie H.S. Beckers Jazzmusiker, ob und ggf. welche “sozialen Konsequenzen” sich für die jeweiligen Akteure durch die zeitweilige, u.U. längerfristige Ausübung der Tätigkeit ergeben können.


So werden wir im folgenden Kap. I) zunächst die Wissenschaft dahingehend befragen, was sie uns über die historische Entwicklung der gesellschaftlichen Stellung von Popularmusikern berichten kann, und feststellen, dass zumindest “fahrende” Unterhaltungskünstler seit dem Mittelalter bis ins 19-te Jahrhundert den Sactus von gesellschaftlichen Außenseitern innehatten und Subkulturen ausbildeten. Zur Klärung der Frage, ob Popularmusiker einen solchen Status jedoch auch in modernen Gesellschaften noch bekleiden, muß zunächst ein zeitgemäßer Subkulturbegriff eingeführt werden.

Einen Spezialfall im Hinblick auf die Ausübung popularmusikalischer Tätigkeit mögen die geschilderten Befunde der Erforschung jugendlicher Subkulturen darstellen.

Der Umstand, als gesellschaftliche Außenseitergruppe zu firmieren, mag für gewisse jugendliche subkulturelle Gruppen zutreffend sein. Gemäß den Befunden der von uns befragten Wissenschaft besitzt er jedoch auch Gültigkeit sowohl für die “Ingroup” bekannter Popularmusikprotagonisten als auch für weniger exponierte Akteure des professionellen Popularmusikbereiches.

Mit der das Kapitel abschließenden Betrachtung von lokalen “Szenen”, die mit dem interessierenden Personenkreis vergleichbar sind und denen zumindest “Außenseitertum” bezüglich des “etablierten Kunstbetriebes” attestiert wird, sowie von Aktivitäten eines Teils der untersuchten Akteure während der späten 1970-er/frühen 1980-er Jahre folgt die Formulierung der dieser Arbeit zugrunde liegenden Hypothese, dass die beobachteten lokalen Popularmusiker eine gesellschaftliche Randgruppe im Sinne H.S. Beckers herausbilden.


Max Weber vertritt die Auffassung, dass menschliches Handeln auch “traditio-nales Handeln” sein kann. Das heißt, dass z.B. “Neueinsteiger” in eine bestimmte berufliche Tätigkeit diese nicht jedesmal quasi “neu erfinden” müssen. Da ferner Girtler darauf hinweist, dass gesellschaftliche Randgruppen mitunter altüberlieferten Traditionssträngen folgen, ist das Kap. II) der Betrachtung von für die Popularmusik wichtigen “musikalischen Traditionen” sowie der Bewertung ihrer Relevanz für die popularmusikalische Tätigkeit des in dieser Arbeit interessierenden Personenkreises gewidmet.

Die bereits in Kap. I) aufscheinende Bedeutung “zeitgemäßer Bohéme” im Zusamenhang popularmusikalischer Praxis führt zur Formulierung einer ersten Zusatzhypothese, gemäß der die Ausübung einer popularmusikalischen Tätigkeit in dem interessierenden Personenkreis mit einer - zumindest zeitweiligen - Teilnahme an einem aktuellen Bohemien-Stil zusammengeht.

Eine weitere Zusatzhypothese im Sinne von Festingers “Theorie der kognitiven Dissonanz” ergibt sich vor dem Hintergrund des Aspektes des Strebens nach massenmedialer Relevanz für die musikalische Tätigkeit bei den untersuchten Akteuren : Dass es im Zusammenhang der beleuchteten popularmusikalischen Tätigkeit zur Herausbildung “falscher Vorstellungen” unter den Ausübenden kommen kann, insbesondere über die mögliche “Relevanz” der Tätigkeit.
Dafür, dass Individuen eine popularmusikalischen Tätigkeit aufnehmen, die sich u.U. in einer bestimmten - subkulturellen - “Tradition” befindet und deren Ausübung ggf. zu “gesellschaftlichen Außenseitern” stigmatisiert, können im Umfeld dieser Akteure, in ihrer näheren Lebenswelt, begünstigende Rahmenbedingungen vorhanden sein. Dieser Annahme folgend werden in Kap. III) in Frage kommende lokal existierenden Bedingungen im Hinblick auf ihre mögliche Relevanz für die zur Diskussion stehende musikalische Tätigkeit und ihre angenommenen “sozialen Implikationen” für die Ausübenden betrachtet.
In den vorgestellten Kapiteln werden Annahmen über mögliches Verhalten realer Ausübender der interessierenden popularmusikalischen Tätigkeit sowie über das “Verhältnis” von ihnen gebildeter sozialer Gruppierungen zum Rest der Gesellschaft gemacht und in entsprechende Hypothesen zusammengefaßt. Darüber hinaus wird die in den Kapiteln I) - III) vorgenommene Literaturdiskussion durch die Beistellung von Bestandteilen des empirischen Materials ergänzt bzw. “begleitet”, welches sich aus narrativen Interviews mit Akteuren der interessierenden “Szene”, Befunden aus unstrukturierter teilnehmender Beobachtung sowie diversen “Zeitdokumenten” zusammensetzt und einen Zeitraum von ca. 30 Jahren lokaler Popularmusikpraxis referiert.

Diese Verfahrensweise eröffnet die Möglichkeit, die in den genannten Kapiteln dargestellten und diskutierten “Literaturbefunde” durch die Empirie zu bestätigen, zu erweitern, zu relativieren oder ggf. auch zu konterkarieren und die in den Kapiteln I) - III) aufgestellten Hypothesen so optimal wie möglich im Hinblick auf das Untersuchungsanliegen anpassen zu können. Damit mag sich diese Arbeit insofern von anderen sozialwissenschaftlichen empirischen Untersuchungen unterscheiden, als dass eine Trennung in einen theoretischen Teil und einen sich ausschließlich der Auswertung des empirischen Materials widmenden Teil weitestgehend aufgehoben ist. Diese entspricht im wesentlichen dem Vorgehen Girtlers, aber auch Glaser & Strauss´ “Grounded Theory”, auf die auch Girtler sich bezieht.

Die Verifikation/Falsifikation der in in den Kapiteln I) - III) formulierten Hypothesen kann jedoch nur durch weitere, eingehende und detaillierte Betrachtung des empirischen Materials erfolgen. Letzteres ist so zu behandeln, dass eine möglichst genaue Beschreibung der interessierenden popularmusikalischen Tätigkeit und ihres Verlaufes daraus abgeleitet werden kann. Ferner soll die Erstellung “exemplarischer Biographien” ermöglicht werden, da es in der Untersuchung auch darum geht, ob und ggf. welche sozialen Konsequenzen sich für die Akteure durch die zeitweilige Ausübung der besagten Tätigkeit ergeben können.

Insofern wäre die Frage nach der gewählten Untersuchungsmethode gestellt.

Kap. IV) ist der Beschreibung und Diskussion der Methode der unstrukturierten teilnehmenden Beobachtung und des narrativen Interviews gewidmet, vermittels welcher das empirische Material erstellt worden war. Auch erfolgt eine ausführliche Begründung der Anwendung dieser Methode für den konkreten Fall der vorgenommenen Untersuchung.

Das Kapitel abschließend werden Art, Erstellung und Provenienz bzw. “Quel-len” des empirischen Materials beschrieben bzw. angegeben sowie das in Kap. V) zur Anwendung gebrachte “Auswertungsschema” dargestellt.


Im ersten Teil von Kap V) erfolgt die Zusammenfassung der Befunde aus teilnehmender Beobachtung und der Auswertung der Einzel-Interviews gemäß dem in Kap. IV) angegebenen “Auswertungsschema”. Die interessierende “Szene” wird in dabei im Hinblick auf Entstehen, Verlauf und “soziale Struktur” der popularmusikalischen Tätigkeit insbesondere vor dem Hintergrund der in Kap. II) und III) beleuchteten Aspekte beschrieben.

Auf der Grundlage des empirischen Materials werden schließlich “exemplari-sche” musikalische Biographien entwickelt sowie ein “formalisiertes Verlaufsmodell” entwickelt .

Der zweite Teil des Kap. V) ist der endgültigen Verifikation/Falsifikation der in den Kap. I) - III) abgeleiteten Hypothesen vor dem Hintergrund des empirischen Materials gewidmet.



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