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Kippeln auf der Kante

Eine Studie zu dem Thema, veröffentlicht von Detlef H. Rost, Gründer und Leiter des Marburger begabungsdiagnostischen Zentrums „Brain”, kommt allerdings zu einem denkwürdigen Ergebnis. Jugendliche, Eltern und Lehrer lehnen separierende Maßnahmen eher ab. Die Einstellung zu integrativen Angeboten ist durchweg positiver. Was also soll die Diskussion über Elitenetzwerke im Grundschul- und Gymnasialbereich, wenn die Zielgruppe deutliche Berührungsängste äußert?

Ein Besuch im Münchner Maria-Theresia-Gymnasium, das seit 1998 in jeder Jahrgangsstufe eine Klasse für Hochbegabte einrichtet, zeigt, dass Vorbehalte nicht unberechtigt sind. In manchen Förderklassen ist das Geschlechterverhältnis auffällig unausgewogen. Die Mädchen sind in der Minderheit, meistens sind es die Jungen, die schon im Kindergarten über Tisch und Bänke springen. (U04/JUL.04436 Süddeutsche Zeitung, 26.07.2004, S. 10; Ausbruch aus der Konfektionsschule)
Eine Studie zu dem Thema, veröffentlicht von Detlef H. Rost, Gründer und Leiter des Marburger begabungsdiagnostischen Zentrums „Brain”, kommt allerdings zu einem denkwürdigen Ergebnis. Jugendliche, Eltern und Lehrer lehnen separierende Maßnahmen eher ab. Die Einstellung zu integrativen Angeboten ist durchweg positiver. Was also soll die Diskussion über Elitenetzwerke im Grundschul- und Gymnasialbereich, wenn die Zielgruppe deutliche Berührungsängste äußert?

Ein Besuch im Münchner Maria-Theresia-Gymnasium, das seit 1998 in jeder Jahrgangsstufe eine Klasse für Hochbegabte einrichtet, zeigt, dass Vorbehalte nicht unberechtigt sind. In manchen Förderklassen ist das Geschlechterverhältnis auffällig unausgewogen. Die Mädchen sind in der Minderheit, meistens sind es die Jungen, die schon im Kindergarten über Tisch und Bänke springen. Sie zappeln, sind vergesslich, reden dazwischen, kippeln auf der vorderen Kante vom Stuhl, hinterlassen auf jeder Oberfläche ihre unleserlichen Hieroglyphen. Oder sie ziehen sich zurück, versteigen sich mit Büchern und Buntstiften in Welten, wo sie bald niemand mehr erreicht. Mädchen können ihre Begabungen besser steuern. Die Reibungsverluste mit der Umwelt sind geringer. Und folglich gibt es keinen drängenden Grund, über besondere Förder- und Trainingsprogramme für sie nachzudenken.

In den Förderklassen finden sich dann Kinder ein, die schon ein ganzes Konglomerat an Leiderfahrung mit sich bringen. Durch ihre problematischen Grundschulbiographien sind sie in einen Irrgarten geraten aus Selbstzweifeln, Lernunmut und elterlicher Leistungserwartung. Ein Mobbing-Fluidum, das schwer auszuhalten ist. Die Förderklassen schaffen Abhilfe durch den gemeinsamen Nenner eines außergewöhnlich hohen Intelligenzquotienten. (U04/JUL.04436 Süddeutsche Zeitung, 26.07.2004, S. 10; Ausbruch aus der Konfektionsschule)
Das hätte es in der DDR nicht gegeben. In Dings, Gießen oder was, geht die Pest um. Durch Schwabing stakst die Vogelgrippe. Oder ist’s Sabine Christiansen? Hamburg steht bis zum Hals unter Wasser. Sofas mit komischen Dreiecken auf den Bezügen stoßen gegen die rostenden Kirchturmglocken. Links gibt’s nicht mehr. Oben bröckelt. Unten kippelt.Rechts schmilzt ab. Und nicht nur in Deutschland. Auch rheinaufwärts ist die Hölle los. Die Schweiz? Verpufft gleich. Holland ist gestern Mittag um halb eins für immer weggepoldert. Neuseeland ist abhanden gekommen, man weiß nichts Genaues. Wir vermuten, ein Schwarm fall-out-mutierte Kiwis hat die ganze Insel ins Schlepptau genommen und den strudelnden Styx hinuntergezogen, last exit Hades und auf Nimmerwiedersehen. Vorausgesetzt, diese verdammten Kiwis können überhaupt schwimmen. (U05/FEB.02632 Süddeutsche Zeitung, 15.02.2005, S. 16; Der Panorama-Tobsuchtsanfall)
Etwa 3400 Leute werden sich am Wahlabend in den Fluren des Landtags drängeln, wenn die Spitzenkandidaten der Parteien von Studio zu Studio ziehen. Und noch immer gehen neue Akkreditierungswünsche ein.

Vor einem halben Jahr hat Hajdamowicz mit einem kleinen Team begonnen, diesen Tag zu planen. Sie hat sich mit Menschen vom Fernsehen getroffen, Verträge ausgehandelt, recherchiert, ob dieser oder jener Journalist tatsächlich für diese oder jene Zeitung arbeitet. Und sie hat Akkreditierungen ausstellen lassen, 1400 insgesamt, für Zeitungs- und Magazinjournalisten, Fernsehmoderatoren, Rundfunkreporter, Kameraleute, Techniker. Allein das ZDF kommt mit 243 Mitarbeitern. „Es ist der Hammer“, sagt Hajdamowicz. Die Journalisten umtreibt die Geschichte, dass mit einer Niederlage der SPD an Rhein und Ruhr auch Rot-Grün in Berlin ins Kippeln kommt. Bei der vermuteten Zeitenwende wollen alle dabei sein.

Seit Montag wird der Landtag zu einer riesigen Medienbühne umgebaut. In der Eingangshalle sieht es aus wie vor einem mittelgroßen Rockkonzert: Techniker haben Stahltraversen verschraubt, Lampen montiert, Kabel zu den Ü-Wagen gezogen. 200 Printjournalisten werden aus dem Plenarsaal über den Wahlausgang berichten, die New York Times schickt einen Korrespondenten genauso wie Naspers Medie aus Südafrika. Um die Energieversorgung sicherzustellen, wurde zusätzlicher Strom bei den Stadtwerken geordert. Alles in allem wird die Veranstaltung 300 000 Euro kosten.

Sie setzt den Schlusspunkt unter einen Wahlkampf, in dem die Medien eine besondere Rolle spielten. Erstmals wurden die im Vorfeld einer Landtagswahl üblichen TV-Duelle zwischen den Spitzenkandidaten nicht nur im jeweils dritten ARD-Programm, sondern bundesweit ausgestrahlt. (U05/MAI.03657 Süddeutsche Zeitung, 21.05.2005, S. 22; Unter Strom)


Die Probe ist zu Ende. Wir rauchen Zigaretten und machen Späße. Wenig später fahren wir in die Muffathalle, um unseren Freunden von Spunk beim Emergenza-Finale die Daumen zu drücken.

19.41 Uhr / Fabian Fuchs

Ich sitze beim Martin auf dem Balkon und kipple gefährlich mit dem Stuhl. Martin muss an seinem Welthit noch was fertig stellen. Ich kriege solange ein Bier.

20.00 Uhr / Die Grätenkinder

Wir parken direkt vor der Tür des Prager Frühling, laden aus, bauen auf, machen Soundcheck – alles in einem rasanten Tempo. Jetzt müssen nur noch Leute kommen. Hoffentlich sind nicht alle bei Beck, der heute auch in der Stadt ist. (U05/JUN.02677 Süddeutsche Zeitung, 14.06.2005, S. 42; Samstag, 11. Juni 2005)
Die LOGITECH MX1000, die erste

optische Funk-Maus, die statt einer LED einen Laser zur Abtastung verwendet. Einzelne Modelle liegen auf glatten

Oberflächen nicht plan auf und kippeln.

Die Panasonic FX7 bei der Kamerawahl sicher nicht, abgesehen vom wackeligen Batteriefach

Was kommt beim Wähler nicht gut an? (U05/SEP.02936 Süddeutsche Zeitung, 17.09.2005, S. ROM4; Suchmaschine)
Denn die Maria S. Merian wurde im Gegensatz zu älteren Modellen eigens für die Forschung konzipiert. Früher musste die wissenschaftliche Ausstattung an ein Schiff angepasst werden – viele Forschungsschiffe sind umgebaute Fischtrawler. Störende Winden befinden sich auf der Maria S. Merian nicht wie üblich an Deck, sondern versteckt im Rumpf. 20 Container für Labore und Ausrüstung stehen an Bord, sie können an Land ausgestattet werden. Abflüsse und Anschlüsse für Gas und Wasser liegen an jedem Containerplatz bereit.

Ins Schwärmen bringt Wissenschaftler die ruhige Lage des Schiffes – ausfahrbare Flügel an den Seiten des Rumpfes stabilisieren es. Zudem lassen die kleiner als üblich gebauten Kräne das Schiff weniger kippeln als andere. Prunkstück sind die so genannten Gondelantriebe unter dem Heck: Zwei Rotoren, die die Maria S. Merian quasi auf der Stelle in jede Richtung steuern können. Im Gegensatz zu einer Antriebswelle erlauben sie nahezu ungestörte Messungen, denn das Schiff vibriert kaum und ist leise. Zwei getrennte Stromkreise und Motoren mindern die Anfälligkeit für Unfälle. Gemütliche Kammern, meist Einzelkabinen, für 23 Wissenschaftler und 21 Mann Besatzung stehen bereit – und eine Sauna.

Nach Testfahrten berichten Forscher euphorisch von ihren Plänen: „Endlich können wir Europas Klimaküche in der Arktis ergründen“, freut sich Olaf Pfannekuche vom Leibniz-Institut für Meereswissenschaften in Kiel. In den Nordmeeren sinken Wassermassen in die Tiefe, wobei der Golfstrom aus dem Süden angesogen wird. (U06/FEB.01409 Süddeutsche Zeitung, 08.02.2006, S. 9; Jungfernfahrt für die Forschung)
Einmal in Fahrt, gibt es zwischen einem konventionellen Roller und dem Dreirad auf Anhieb keine wesentliche Unterschiede; das Schlängeln durch dichten Verkehr ist problemlos, Richtungswechsel auf engem Raum werden eher von Fahrzeuglänge und -breite beeinflusst als durch die Art der Lenkung. Aber spätestens dann, wenn Straßenbahnschienen oder Kopfsteinpflaster gemeistert werden wollen, zeigt der MP3 sein beruhigendes Talent, weil das Sicherheitsgefühl des Fahrers sehr viel größer als auf nur zwei Rädern ist.

Einen weiterer Vorteil birgt die Funktion eines kleinen Hebels am Lenker. Unterhalb von acht km/h und im Stand kann die Schräglagenfunktion ausgeschaltet werden. So gibt es bei langsamer Stop-and-go-Fahrt kein Kippeln mehr und vor roten Ampeln bleibt der MP3 zuverlässig im Gleichgewicht, ohne dass sein Fahrer die Füße auf den Boden stellen müsste. Ein Dreh am Gas genügt, um die Arretierung zu lösen und wieder anzufahren – wie in jedem modernen Roller arbeiten auch im MP3 eine alltagsfreundliche Fliehkraftkupplung und ein fleißiges Automatikgetriebe.

Deutlich im Vorteil ist der MP3 selbst bei Gewaltbremsungen; Piaggio geht davon aus, dass sich der Bremsweg gegenüber einem Zweirad-Roller wegen des dritten Rades um immerhin 20 Prozent verkürzt; zudem sind die beiden vorderen Scheibenbremsen mit 310 Millimeter Durchmesser riesig dimensioniert. Das mag wenigstens etwas darüber hinwegtrösten, dass zumindest derzeit noch kein ABS-System in der Liste der Extras zu finden ist. (U06/MAI.03449 Süddeutsche Zeitung, 20.05.2006, S. V2/2; Mit dem Dritten fährt man besser)
Von Constanze von Bullion

So ein Wunder ist natürlich eine Glaubenssache, und es offenbart sich auch nur denjenigen, die es erkennen wollen. An der Herbert-Hoover-Realschule in Berlin zum Beispiel arbeiten sie noch an ihrem kleinen Wunder und an dem Glauben, dass es tatsächlich schon eingetreten ist.

„Wie heißt das Präteritum von Wiederholen?”, fragt Frau Klare. „Heißt halt irgendwas”, sagt Douglas und kippelt lässig mit dem Stuhl. „Was ist das Plusquamperfekt von Besprechen?” „Ich hab’ gesprochen”, sagt Cemre und ärgert sich dann, weil er immer ein bisschen zu schnell ist. „Wie heißt das Futur II von Besprechen?” „Ich werde besprochen haben”, sagt der schüchterne Darwich und duckt sich weg in der letzten Bank, so als wäre er am liebsten gar nicht da.

Deutschstunde in der 7a der Herbert-Hoover-Realschule in Berlin, das ist keine Veranstaltung für Maulhelden, sondern eine eher mühselige Angelegenheit. 25 Schüler sitzen hier in einem spartanischen Klassenzimmer, zuhause sprechen sie sonst Urdu, Aramäisch, Arabisch oder Gebärdensprache, jetzt haben sie „DAZ”, also Deutsch als Zweitsprache, und man muss schon etwas genauer hinhören, um zu erkennen, dass hier zwei Dutzend Helden der Nation versammelt sind. (U06/JUN.05152 Süddeutsche Zeitung, 27.06.2006, S. 10; Helden der Nation)


Vier Komma zwei Plopps pro Minute. Einundzwanzig Plopps nach fünf Minuten. Je mehr Minuten verstrichen, desto wohler fühlte ich mich. Die Situation war so absurd, dass ich sie gut zu finden anfing. Wenn er doch irgendwo eine Kamera versteckt hielt, so hatte ich bislang keine schlechte Figur abgegeben. Ich hatte mich durch sein Schweigen nicht provozieren lassen. Ebenfalls zu schweigen war die beste aller Möglichkeiten, dachte ich. Das Telefon klingelte. Ich ließ es klingeln und fing an, mit meinem Stuhl zu kippeln.Theo Von zog kaum merklich die Augenbrauen hoch. Mir war klar, was dieses kaum merkbare Hochziehen der Augenbrauen signalisieren sollte: Überlegenheit. Spott.

Zugegeben, seine Reaktion versetzte mir einen Stich. Es war in der Tat lächerlich, nicht ans Telefon zu gehen. Ich beschloss, zurückzuschlagen. Wie ein Picador wollte ich ihn erst mit ein paar Lanzenstichen im Nackenbereich verwunden, was ihn zum Absenken seines Kopfes zwingen würde, zum Verlust seiner Hochnäsigkeit, bevor ich dann als Matador in die Arena schreiten würde, nur mit einem Degen ausgestattet, einen Paso Doble im 3/8 Takt tanzen würde, bevor ich ihm den Degen tief zwischen die Schulterblätter ins Herz stieß. (U06/AUG.03146 Süddeutsche Zeitung, 19.08.2006, S. ROM7; Paso Doble)


Die Weltwirtschaft boomt, und man wundert sich warum. Öl ist teuer, Rohstoffe sind knapp, Krieg und Terror verunsichern die Welt, doch die globale Ökonomie wirkt stabiler denn je. Sie wird, wenn der Internationale Währungsfonds Recht behält, in diesem und im nächsten Jahr um jeweils etwa fünf Prozent wachsen und damit, entgegen vielfältigen Befürchtungen, auch im vierten Jahr nacheinander kraftvoll zulegen. Solch einen dynamischen Aufschwung hat die Welt seit den 70er Jahren nicht mehr gesehen.

Das Außergewöhnliche daran ist, dass alle großen Wirtschaftsregionen gleichzeitig zulegen: die USA sowieso, aber auch Japan und Europa. Die Japaner haben nach eineinhalb Jahrzehnten ihre Wirtschaftskrise überwunden, die Banken kippeln nicht mehr, die Industrieriesen drängen wieder auf die Weltmärkte. Und Europa? Die alte Welt ist immer noch weit von ihrem Ziel entfernt, bis 2010 zum wettbewerbsfähigsten Wirtschaftsraum der Welt zu werden, doch manches hat sich verändert, gerade auch in Deutschland: Der kranke Mann Europas erhebt sich. Die Regierung Schröder hat Reformen auf den Weg gebracht, die sich nun auszahlen.

Die Steuern für Unternehmen, aber auch für die Bürger sind gesunken – was sich in einer höheren Binnennachfrage niederschlägt. Der Arbeitsmarkt wurde entriegelt – was nicht nur Schlechtes hervorgebracht hat (Hartz IV), sondern manch Gutes, etwa die bessere Vermittlung der Arbeitslosen. Zudem wurden die Unternehmen wettbewerbsfähiger. (U06/SEP.02562 Süddeutsche Zeitung, 15.09.2006, S. 4; Der kranke Mann erhebt sich)
Kinder mit ADHS besuchen in Esslingen eine „Notschule” – die meisten haben bereits einen Leidensweg durch das Bildungssystem hinter sich

Von Miriam Hoffmeyer

Der Terrier Paula liegt entspannt unter dem Pult des 14-jährigen Johannes. Während seine Mitschüler aufmerksam zuhören, wie die Lehrerin die Funktion von Hoden und Samenleiter erläutert, fängt Johannes an, mit seiner Armbanduhr zu jonglieren. „Lass das bitte”, sagt die Lehrerin freundlich, aber entschieden. Johannes lässt es. Auch mit dem Stuhl kippelt er nicht lange, er könnte dem Schulhund ja damit wehtun.

Der Klassenraum ist schlicht und sachlich eingerichtet, der Blick aus dem Fenster fällt auf graue Zweckbauten. Die Mini-Notschule für Kinder mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) liegt mitten im Gewerbegebiet der Stadt Esslingen in der Nähe von Stuttgart. Die acht schmalen Pulte stehen so weit voneinander entfernt, wie es der Platz nur zulässt, und sind gerade auf die Tafel ausgerichtet. Die reizarme Umgebung hilft den Kindern, sich auf den Unterricht zu konzentrieren. Sieben Jungen und ein Mädchen im Alter zwischen elf und 14 Jahren sitzen im Klassenzimmer. Nur wenige von ihnen stammen aus Esslingen, die anderen reisen täglich aus der näheren und weiteren Umgebung an. (U06/OKT.01960 Süddeutsche Zeitung, 12.10.2006, S. 41; Hyperaktivität)


Dabei trugen die Musiker ein Megaphon an einem Mikroständer vor sich her wie eine Monstranz, während sie „Wake Up” spielten, jenen apokalyptischen Song, den der bekennende Arcade Fire-Fan David Bowie bereits live spielte. Im Stadion mag diese Musik den Zuhörern ehrfürchtige Schauer über den Rücken jagen, hier jagten die düster jubilierenden Mandolinen- und Akkordeonklänge die Gemeinde binnen Sekundenbruchteilen von den Klappstühlen hoch – und die Aura gehobenen Kulturgenusses war dahin. Wim Butler in seinen abgewetzten Army-Boots zu Drillichhose und einem mit groben Stichen vernähten Hemd, das er später in einem Interview als „frankensteinized” bezeichnen wird, fleht und zetert, seine scharfe, kippelnde Stimme durch das Megaphon verzerrt und verwandelt sich vom Popstar zum fanatischen, schwitzenden Laienprediger, der direkt aus der großen Depression zu kommen scheint.

Der Auftritt hatte etwas Fiebriges, beinahe Besessenes, hier wurde eine dezent aus dem Ruder laufende Messe zelebriert und mit jedem Song verwandelte sich St. Johns mehr in ein Segeltuchzelt in den Weiten der amerikanischen Prärie. Es war eine Zeitreise, die keine Zeitreise war, und unwillkürlich dachte man an die amerikanische Fernsehserie „Carnivale”, jene überwältigende Inszenierung einer Fabel über Glauben und Glaubensverlust, angesiedelt 1934 im Südwesten den USA, in Zeiten von Naturkatastrophen, Dürre und Epidemien, den Vorboten eines letzten Kampfes zwischen Gut und Böse. (U07/MAR.00054 Süddeutsche Zeitung, 01.03.2007, S. 13; Frohlocken vor dem großen Knall)


Der Umstand, dass der bürgerliche Schriftsteller an einen Hof ohne Schloss kam, ist nicht zu unterschätzen. Alle Formen der monarchischen Etikette hatten es schwer in dem kleinstädtischen Provisorium, das nun eingetreten war. Der Herzog und seine Mutter hausten in Ausweichquartieren, die Hofküche existierte in den Kellern der Ruine, die Hofämter waren auf städtische Mietswohnungen verteilt.

Das bürgerlich-höfische Konnubium, das der soeben zur Regierung gelangte, erst 18 Jahre alte Herzog Carl August mit seinen neuen Künstlerfreunden, allen voran dem Frankfurter Bestsellerautor Goethe, einging, entbehrte aller formellen Umständlichkeit. Bei seiner Mutter, der ebenfalls noch jugendlichen Herzogin Anna Amalia, saß man bei Kerzenschein um einen runden Tisch auf kippelnden Stühlen. Wenn man sich fragt, was die Weimarer Sternstunde am Ende des 18. Jahrhunderts von den vergleichbaren Höhepunkten der Kulturgeschichte – Athen im fünften Jahrhundert, das augusteische Rom, Florenz im Quattrocento, Rom in der Hochrenaissance, dem Hof Ludwigs XIV. – unterscheidet, dann kommt man auf einen unschätzbaren Vorzug: Intimität.

In Weimar gediehen Kunst und Geist nicht im gleißenden Licht von Weltmacht und Repräsentation. Nicht einmal viel Geld war da. Zwischen den Häusern Wielands, Herders und Goethes lag der Mist auf den Straßen. Weimar war eine Kleinstadt neben einem Haufen verkohlter Trümmer. Es gab nur einen größeren Unternehmer, der Galanteriewaren und eine Modezeitschrift anbot, also immerhin drucken konnte. (U07/APR.00080 Süddeutsche Zeitung, 02.04.2007, S. 11; All das existierte wirklich)
Angst vor der Angst

Von Ulrich Schäfer

Es braut sich etwas zusammen an den Finanzmärkten. Noch hört man nur ein Grollen in der Ferne, ab und zu zucken ein paar Blitze: Da trudelt eine amerikanische Hypothekenbank, weil die Kunden ihre Immobiliendarlehen nicht mehr bedienen können; dort wackeln ein paar hochriskante Fonds, die sich mit Krediten verspekuliert haben; hier kippelt eine unbekannte deutsche Bank namens IKB. Der deutsche Normalbürger könnte sich fragen: Was geht mich das an? Er könnte sich zurücklehnen und sich von den schönen Zahlen des Aufschwungs hierzulande begeistern lassen: Die Arbeitslosen werden seit Jahren weniger, die Firmen verdienen prächtig, das Loch im Staatshaushalt schließt sich. Ach, welch feines Wirtschaftswunder.

Doch aus dem fernen Grollen könnte schon bald ein Sturm werden, ein gewaltiges Gewitter, das auch über Deutschland niedergeht – an den Börsen, aber ebenso im ganz realen Wirtschaftsleben. Noch weiß niemand, wann dieses Gewitter losbrechen könnte: morgen? Nächste Woche? Oder erst in ein paar Monaten? Und noch weiß niemand, wie lange es anhalten würde. (U07/AUG.00415 Süddeutsche Zeitung, 03.08.2007, S. 4; Angst vor der Angst)


Doch Fragen nach dem freien Willen, nach der Person überhaupt, werden in diesem Buch auf einem erschreckend niedrigen Niveau abgehandelt – und noch dazu mit wissenschaftsgläubigem Hochmut. Über juristische Streitereien weiß Benecke zu berichten, dass die Wahrheit allgemein in der Mitte liegt. Mörder sind bei ihm schon mal „vom Bösen beseelt”, haben eine „schwarze Seele” und „einig sind wir uns aber immerhin darin, dass pädophile Sadisten wirklich Bestien sind”. Angesichts solcher Evidenz hält Benecke „lange Nachgrübeleien” für überflüssig.

Wenn er Ursachen nachgeht, dann um eine tumbe Erklärungssehnsucht zu befriedigen, keinesfalls um zu verstehen. Der freundliche Forensiker rät: „Sie als Leser sollten die Täter weder lieben noch bemitleiden. Versuchen Sie aber trotzdem, Ihren Hass auf die Taten eine Zeit lang beiseitezuschieben.” Und danach?

Benecke kippelt auf seinen Argumenten herum wie das nervöse Kind auf dem Stuhl. „Serienmörder sind Bestien, aber sie werden von Tat zu Tat charmanter.”Hinter solcher Plauderei verbirgt sich Biederkeit und Boulevard; es versteht sich, dass Informationen „brandheiß” sind. Welche Abgründe sich hier wirklich öffnen, verrät das Eingangs-Zitat: „Warum nur, warum muss alles so sein? Warum nur? Warum?”. Die Frage stammt von Udo Jürgens.

JEAN-MICHEL BERG

Mark Benecke (U07/OKT.01286 Süddeutsche Zeitung, 09.10.2007, S. V2/27; Wahrlich, keiner ist weise, der nicht das Dunkel kennt)
Für ihn ist die Gastfreundschaft ein „Symbol für christlich-islamische Harmonie”. Dieser Harmonie hat sich Mar Musa ganz verschrieben, die Liebe zu den Muslimen gehört zur Regel der Gemeinschaft. Keine leichte Aufgabe in diesen Zeiten, da die Religionsgemeinschaften lieber ihr eigenes Profil schärfen, als sich im Dialog weit vor zu wagen. Mar Musa ist ein offenes Haus, zu dem jeder eingeladen ist, unabhängig von seiner Religion und Weltanschauung. Das hört sich einfach an, in der Praxis schafft es jedoch eine Menge Probleme.

Nach einer sternenklaren, kalten Nacht finden sich am Morgen die verfrorenen Besucher langsam auf der Terrasse ein. Paolo Dall’Oglio sitzt mit einigen Gästen beim Frühstück. Später kommt auch Ali El Messaoui hinzu. Er trinkt seinen Tee, hat sich einen Stuhl an die Steinbrüstung gezogen, kippelt und schweigt. Hinter der Brüstung geht es 200 Meter steil in die Tiefe. „Ja, ich bin Muslim”, bestätigt er, nachdem er sich an der weiten Landschaft satt gesehen hat. „Ich komme aber trotzdem gerne hierher.” Ali ist Anfang dreißig, Arzt, er stammt aus dem Libanon und ist wegen des Krieges im Sommer 2006 aus Beirut nach Damaskus gekommen. Dort hat er Arbeit in einem Zentrum für Herzchirurgie gefunden. „Im Libanon haben wir ja immer irgendeine Party”, sagt er leise und lächelt melancholisch. Jetzt sei er zwar froh um seine Arbeitsstelle, doch brauche er Abstand. Freunde haben ihm von Mar Musa erzählt. „Es ist die Ruhe hier, die mich fasziniert.” (U08/MAR.02384 Süddeutsche Zeitung, 13.03.2008, S. V2/7; Dialog in der Wüste)


Eno ist anders als die meisten heutigen Produzenten kein klassischer Soundtüftler; er ist vor allem ein idealer Mann für den Überbau und das Gemüt von zu erfolgreichen Rockbands. Wenn die nicht mehr weiter wissen, holen sie Eno als eine Art überbezahlten Musiktherapeuten. Der stellt ihnen angeblich dann noch mal die ganz einfachen Fragen: Wozu macht ihr Musik? Wie hört die sich denn überhaupt an?

Auf die erste Frage müsste Chris Martin wahrheitsgemäß geantwortet haben: Für Gott und die Welt, Gott zur Klage und der Welt zum Trost. So ganz hat er sich davon nun nicht abbringen lassen, Gott kommt gleich in der fünften Strophe vor und später immer wieder, aber zumindest hat Martin seine Ankläger- und Trösterstimme etwas gedämpft. Einmal schaltet er sogar sein Markenzeichen, das kippelnde Falsett, für einen Song aus und brummt einfach tenorig.

Der Folkloretrick

Die Musik, das zur zweiten Frage, hört sich schon vordergründig bunter an, weil Coldplay ein paar für sie exotische Instrumente benutzt haben und exotische Rhythmen noch dazu. Coldplay haben jedoch nicht versucht, eine Weltmusikplatte aufzunehmen, das wäre dann doch zu offensichtlich gewesen: Wenn einem gar nichts mehr einfällt als Stadion-Act, dann fällt einem als erstes die Globalisierung ein und Folkloremusik von irgend woher, Afrika, Südamerika, Osteuropa. Coldplay tarnen den Folkloretrick einigermaßen, indem sie die für sie neuen Klangquellen und Strukturen zur dringend notwendigen Auffrischung ihrer bislang recht eintönigen Songarrangements verwenden. Auch eine Art Appropriationsgeste: Statt Lernen von den Alten mal Lernen von den Anderen.


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