Maßnahmen zur Re-Integration arbeitsloser Problemgruppen in den ersten Arbeitsmarkt Dilemmata, Paradoxien und Transintentionen bei der Umsetzung eines unmöglichen



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Sana10.09.2017
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Man muss die Dinge beim Namen nennen1

Folgt man dem „öffentlichen Diskurs“, befindet sich unsere „Arbeitsgesellschaft“, gemessen am „Normalzustand“ einer (offiziell immer noch angestrebten) „Vollbeschäftigung“,2 ob der kontinuierlich steigenden strukturell bedingten Arbeitslosenzahlen3 in einer veritablen Krise.

„Die Politik“ reagiert auf das Phänomen seit nunmehr über drei Jahrzehnten unter anderem mit dem arbeitsmarktpolitischen Instrument sozialarbeiterisch/pädagogisch fundierter Qualifikationsmaßnahmen. Oberstes und seitens der öffentlichen Auftraggeber einzig relevantes Ziel dieser Projekte ist die (Re)Integration der ihr zugeführten, aus dem „ersten Arbeitsmarkt“ exkludierten, „suboptimalen Arbeitskräfte“ (KAUFMANN 1997: 92) in eben jenen Arbeitsmarkt.

Gemessen am einzig auf „Vermittlungsquoten“ bezogenen Erfolg scheint diese Strategie zu­sehends wirkungsloser. Die Erfüllung dieses eindimensionalen Auftrags wird für die mit der Vermittlung beauftragten „Inklusionsarbeiter“ angesichts der sich kontinuierlich verschärfen­den Situation auf dem Arbeitsmarkt zusehends unmöglicher. Darüber hinaus scheinen ihre Bemühungen um Integration eher vermehrt zur Individualisierung des sozialen Phänomens Arbeitslosigkeit beizutragen.

Die Motivation zur Themenwahl entspringt unter anderem eigenen, empirischen Erfahrungen auf dem Feld der arbeitsmarktintegrativen Projekte des „zweiten Arbeitsmarktes“ in Gestalt einer jahrelangen Tätigkeit als „Kursbetreuer“ des Arbeitsamtes sowie zuletzt einer über zehnjährigen Tätigkeit als „diplomierter Sozialarbeiter“ in verschiedenen arbeitsmarktintegrati­ven Projekten bzw. Maßnahmen. Im Zuge dieser Erfahrungen war die außerordentliche Häu­fung von „Burn-out“-Phänomenen4 vor allem seitens der hoch engagierten Gruppe der Sozialar­beiter/ Sozialpädagogen auf diesem, sich seit Anfang der 1980er Jahre herausbilden­den, Berufsfeld sozialer Arbeit unübersehbar. Dieses Phänomen lässt sich unter anderem als Auswirkung des immensen Erfolgsdruckes im Zusammenhang mit der offensichtlichen Dis­krepanz zwischen der realen Situation im Erwerbssystem bzw. auf dem Arbeitsmarkt und dessen Verwerfungen einerseits sowie sich widersprechenden bzw. unvereinbaren Aufträgen an die „Inklusionsarbeiter“ seitens divergierender Interessensgruppen andererseits, deuten.

Diese Divergenzen generieren zunehmend spezifische Paradoxien, Dilemmata und Transin­tentionen, mit denen diese zwischen verschiedenen Funktionslogiken, vor allem jener zwi­schen „Hilfe“ und „Kontrolle“, agierende bzw. „balancierende“ Berufsgruppe permanent kon­frontiert ist. Verstärkt stößt ihr berufshabituell motiviertes Bedürfnis nach kritischer Reflexion unserer Arbeitsgesellschaft zunehmend auf Ablehnung seitens der sie beauftragenden und finanzierenden staatlichen Auftraggeber. Die damit einhergehenden Dilemmata verschärfen sich zusätzlich durch forcierten Konkurrenzdruck, der unter verordneter Ökonomisierung ums wirtschaftliche Überleben kämpfenden, ursprünglich „sozialen“, arbeitsmarktpolitischen Maß­nahmen.

Ziel vorliegender Arbeit ist es, einen Beitrag zu möglichen Fragestellungen im Hinblick auf eine soziologische Funktionsbestimmung sozialarbeiterisch/sozialpädagogisch fundierter Ar­beit mit arbeitslosen „Problemgruppen“ in arbeitsmarktintegrativen Maßnahmen der Gegen­wart zu leisten. Dazu bedarf es vorab eines reflexiven Bewusstseins über die Rahmenbedin­gungen des von verschiedenen sozialen Akteuren und deren jeweiligen Interessen geprägten „sozialen Feldes“5 des „Zweiten Arbeitsmarktes“. Im Mittelpunkt stehen insbesondere die dort stattfindenden Kämpfe um die jeweils „herrschenden“ Spielregeln, welche im Verbund mit den (Deutungs-) Machtverhältnissen die jeweils zulässige und mögliche Praxis in den Integrati­onsmaßnahmen bestimmen. Weiters scheint es unumgänglich, für einzelne Beteiligte bzw. Interessen bisweilen „unbequeme“ Perspektiven einzunehmen und vordergründig konstruktive bzw. erfolgreiche Arbeit kritisch, bezüglich ihrer Nebenwirkungen, zu hinterfragen.

Angesichts der Komplexität des sozialen Phänomens „Arbeitslosigkeit“ und der diesbezüglich unterschiedlichen Interessenskonstellationen wohnt den durchaus wohlgemeinten Integrati­onsmaßnahmen, vor allem diesbezüglichen Intentionen der Sozialen Arbeit eine „Logik des Miss­lingens“ (DÖRNER. 1989) inne, die sich durch nicht intendierte Auswirkungen ausdrückt. Diese „misslingende Logik“ und deren Folgen gilt es aufzuzeigen, auch wenn - bzw. vielmehr gerade weil – dies für die sich für Arbeitsmarktintegration und in diesem Kontext für soziale Inklusion zuständig fühlende Profession der Sozialen Arbeit desillusionierend sein dürfte. Dies scheint insofern eine durchaus konstruktive Folge, zumal gilt, dass „wenn ich die Folgen meiner eigenen Handlungen gar nicht erst zur Kenntnis nehme, […] mir (nur) die 'Kompetenz­illusion' [bleibt]. “ (DÖRNER. ebd. 269).

Bei aller Kritik geht es daher nicht um eine (gar pauschale) Desavouierung bestehender Ein­richtungen, noch um Infragestellung von Motivation, Intentionen und Engagement der auf dem arbeitsmarktintegrativen Feld handelnden professionellen Inklusionshelfer. Vielmehr geht es um eine Annäherung an die Frage, ob diese zu den gegenwärtigen Bedingungen des Ar­beitsmarktes in einer postindustriellen „Arbeitsgesellschaft“ unter herrschenden politökonomi­schen Interessens- und Machtkonstellationen überhaupt in der Lage sind, ihre Intentionen hinsichtlich gesellschaftlicher Inklusion auch nur annähernd umzusetzen oder lediglich einen „Reparaturdienst“ (DÖRNER. 1989) zum Weiterbestand einer „überkommenen“ Arbeitsgesell­schaft verrichten, welche die qua Auftrag rückgängig zu machenden Exklusionen überhaupt erst mit erzeu­gen.

Angesichts einer, je nach Lesart und Evaluationsmethode, zwischen 30 (z.B. HOFER. 2002) und maximal 50 Prozent (z.B. LECHNER et al. 2000) liegenden durchschnittlichen „Vermitt­lungsquote“ in den ersten Arbeitsmarkt scheint dies eher fraglich, umso mehr, als diese „Ver­mittlungen“ in der Regel in den „unstrukturierten“ bzw. „Jedermann-Arbeitsmarkt“ (SENGEN­BERGER, 1978) erfolgen. Dieser zeichnet sich vor allem durch die bekannten Risiken wie geringes Einkommen, prekäre und belastende Arbeitsformen sowie hochgradiger Gefahr ei­nes kurz- bis mittelfristig neuerlichen, die Spirale nach unten weiter treibenden Verlustes des Arbeitsplatzes aus. Ergo implizieren entsprechende „Vermittlungen“ keineswegs zwingend arbeitsmarktbezogene Integration, geschweige denn soziale Inklusion. Zudem sinkt mit zu­nehmender Betreuungsintensität und damit steigender Hilfs- und Inklusionsbedürftigkeit der Klienten die Vermittlungseffizienz gegenständlicher Kursmaßnahmen exponentiell.

Diese könnten prinzipiell ein adäquates Instrument darstellen, wenn sie die damit verbundenen Intentionen kraft entsprechender struktureller Rahmenbedingungen auch umzusetzen in der Lage wären. So hätten sie in Zeiten der Vollbeschäftigung, für die sie eigentlich auch konzipiert wurden, durchaus Substanz. Bei anhaltend hoher bzw. steigender struktureller Arbeitslosigkeit scheint es jedoch sinnvoll, neben dem einzig evaluierten Ziel der Vermittlung in Erwerbsarbeit auf dem „Ersten Arbeitsmarkt“ als gleichrangiges Ziel zumindest die Vorbereitung auf mehr oder weniger lange, sinnvoll zu gestaltende, Lebensphasen ohne Erwerbsarbeit zu berücksichti­gen. Der Einbezug diesbezüglicher, der Realität des Arbeitsmarktes entsprechender Zielset­zungen bedeutet aber nicht per se, eine derartige Lebenssituation gezielt und ausschließlich anzustreben. Wohl aber würde dies die individuelle Befähigung zur Erlangung möglichst glü­ckender Lebenslagen abseits des Erwerbsarbeitssystems beinhalten. Dies betrifft, angesichts der Tatsache, dass Erwerbsarbeit nach wie vor die überwiegende Mehrheit der Gesell­schaftsmitglieder hochgradig die „Wirklichkeit par excellence“ (BERGER/ LUCKMANN. 2000: 25) und in gewissem Sinne auch ein relativ „archaisches“ sinn- und identitätsstiftendes Ele­ment innerhalb einer hochkomplexen Gesellschaft darstellt, in erster Linie die Fähigkeit zur Aufrechterhaltung der Balance zwischen sozialer und personaler Identität.

Das zentrale Thema „Arbeitslosigkeit“ wird im Verlauf der Abhandlung aus mehreren Blickwinkeln relevant, unter anderem sozialisationstheoretisch, differenzierungstheoretisch, ungleichheitstheoretisch und (berufs-)bildungstheoretisch bzw. –soziologisch. Die Absicht dieser Arbeit besteht nicht zuletzt in einer Sensibilisierung für die gegenwärtige Situation und ihrer spezifischen Phänomene auf dem Sektor der organisierten Integrationshilfe in den Arbeitsmarkt. Sie soll weiterführende Fragen aufwerfen, soll und kann in diesem eingeschränkten Rahmen aber keine Entwürfe für mögliche „Antworten“ liefern, z.B. ob die Lösung im Sinne von sozialer Integration in der Schaffung eines öffentlichen Beschäftigungssektors oder im Grundeinkommen usw. liegen könne. Diese wäre bereits einer der nächstfolgenden Schritte.




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